Das Gedankenkarussell

Der unerfüllte Kinderwunsch bringt ein Gedankenkarussell mit sich, welches man als Aussenstehender kaum zu verstehen vermag. Ich muss ehrlich zugeben, auch ich glaubte es zu verstehen bevor ich selber in der Situation war. Doch wie steigt man von einem fahrenden Karussell runter, auf dem man drauf sitzt und nicht mal genau weiss wie man hier gelandet ist?

Einfach vertrauen, dass eines Tages der Moment gekommen ist, in dem man die zwei Striche auf dem Schwangerschaftstest sieht?
Wenn ich mich mit Freundinnen austausche, die entweder einen langen Weg bis zur Schwangerschaft hinter sich haben oder auch eine Fehlgeburt hatten und jetzt auf eine erneute Schwangerschaft hoffen, sagen fast alle das gleiche: „Wenn man nicht in der selben Lage ist, ist es kaum zu verstehen!“

Als Frau kennt man seinen Zyklus ziemlich genau, man weiss wann man ungefähr seinen Eisprung hat und man weiss auch wann man seine Periode bekommen sollte. Das ist auch alles ganz normal und okay, bis man anfängt ein Baby zu planen. Auf einmal ist es nicht mehr der Tag des Eisprungs und der Beginn der Periode, es wird so viel mehr…

Der 1. Tag eines neuen Zyklus heisst auch, dass die Periode einsetzt. Dies wiederum bedeutet: es hat wieder nicht geklappt! Ein weiterer Monat ist vorbei und somit beginnt das Gedankenkarussell von vorne. „Entspann dich einfach und lass los!“ ein super Tip, danke! Leider aber nicht so einfach umzusetzen.
Am Anfang eines neuen Zyklus‘ ist man enttäuscht, dass es nicht geklappt hat, dann findet man sich jedoch damit ab und entspannt sich. Neuer Monat, Neues Glück und Pause für die Gedanken. Auch ein Glas Wein liegt drin und ich kann essen was ich will. Man ist zuversichtlich denkt sich: „Cool ich habs geschafft ich bin total entspannt, vielleicht klappts ja nächsten Monat! Und wenn nicht, dann auch okay ich bin ja entspannt“. Doch dann nähert sich der Zyklus der spannenden Phase und man beginnt zu überlegen:
Wann ist wohl der Eisprung? Soll ich Ovulationstest kaufen oder vertraue ich meinem Instinkt? Hoffentlich verpassen wir den Eisprung dann nicht!
Lass mich mal ausrechnen wann der Termin wohl wäre, wenn es diesen Monat klappt…
und so weiter und so fort.

Dann beginnen die zwei Wochen des Wartens und zunehmend weicht die Lockerheit und das Karussell beginnt zu drehen.

Vielleicht sollte ich lieber kein Alkohol trinken, ich weiss ja nicht ob es geklappt hat. Sollte ich besser heute nicht in die „Body Pump“ Stunde gehen, nicht dass ich die Einnistung störe. Ich sollte mich einfach entspannen und einfach ruhig bleiben, das wäre wohl das Beste. Ou, da spühre ich ein Ziepen, lass mal googeln was das sein könnte. Wieso ist mir heute so heiss, könnte das vielleicht ein Anzeichen sein?

Die Hoffnung wächst und man betrachtet sich und seinen Körper unter der Lupe. Doch irgendwann kommt die Angst vor der erneuten Enttäuschung wieder hoch und man versucht den Fuss langsam aus dem Karussell zu halten.
Diese Anzeichen sind vielleicht nur PMS oder ich bilde sie mir ein. Das ist bestimmt alles nichts, hoffe nicht zu fest, nicht dass du wieder enttäuscht bist. Irgendwann wird’s schon klappen.

Dann kommt endlich der Tag ES+10 (10 Tage nach dem Eisprung). An diesem Tag könnte man schon etwas HCG im Körper sehen. Soll man testen oder soll man warten? Logisch wäre es besser einfach abzuwarten bis der Zyklus zu Ende geht und man entweder seine Periode bekommt oder nicht. Doch dann fängt es an unter den Nägel zu kribbeln und man würde lieber schon jetzt wissen, ob es geklappt hat.

Wenn ich jetzt teste weiss ich es wenigsten. Wenn der Test negativ ist, dann kann ich’s abhaken und muss nicht mehr weiter hoffen. Vielleicht will ich es aber gar nicht wissen. Ach komm ich mach den doofen Test kann ja nicht schaden. Hmm… negativ. Ja, war ja auch noch viel zu früh, ich mache lieber morgen oder übermorgen nochmals einen, die Hoffnung stirb ja bekanntlich zuletzt.

Ich weiss, aus meinen Gesprächen mit anderen, dass es bei fast allen GENAU SO abläuft. Monat für Monat, immer wieder das selbe Spiel. Bei mir ist es nicht jeden Monat so, es gab aber Monate da war es so. Und wenn dann die Blutung einsetzt ist die Enttäuschung wieder genau so gross wie letzten Monat.

Wie soll man „einfach entspannt sein“ wenn man immer die Gedanken an diesen Wunsch hat? Kann man diese Gedanken abstellen? Kann man diesen Wunsch abstellen? Man versucht ja alles: Nicht zu fest zu hoffen, aber auch nicht schlecht zu denken, weil das bekanntlich auch nicht förderlich ist. Man möchte positive Gedanken haben und keine Angst haben. Man hat Angst die Zügel aus der Hand zu legen, weil dann hat man das Gefühl gar keine Kontrolle mehr darüber zu haben. Aber sind wir mal ehrlich! Wir haben es nicht in der Hand!!

Wenn dann noch eine im Freundeskreis ihre frohe Botschaft verkündet denkt man nur: „Wieso du und nicht ich?“ und im selben Moment hat man ein schlechtes Gewissen dafür, weil man sich ja für die Andere freut, es sich doch nur einfach auch so sehr wünscht.

Ich weiss, dass dies jetzt hier einige lesen und denken: Die hat ja einen Knall! Die soll sich mal locker machen, dann würde es schon klappen!
Genau das dachte ich auch immer. Aber wenn du nicht auf dem Karussell sitzt, kannst du es nicht verstehen!

Ich habe für mich entschieden meine Jahreskarte für den Jahrmarkt abzugeben und mir lieber Schokofrüchte am Spiess zu holen und mich damit auf eine Bank zu setzen. Ich möchte nicht Sklave meiner Gedanken sein. Klar ist es enttäuschend, wenn wieder ein Zyklus zu ende geht und es nicht geklappt hat. Aber mein Leben macht ja keine Pause, mein Leben geht weiter und ich möchte es nicht verpassen nur weil ich immer und immer wieder Runden auf dem Karussell drehe. Vielleicht kaufe ich mir mal eine Einzelfahrt und drehe eine kleine Runde, aber dann möchte ich den Rest des Jahrmarktes besuchen, bis ich mich wieder beim Karussell anstelle.

Ich hoffe du fühlst dich verstanden, wenn du dies liest und es dir auch so geht. Wenn du dies liest und es dir nicht vorstellen kannst, denkst du vielleicht mal an meinen Text zurück, wenn du dich auch plötzlich mit der Jahreskarte auf dem Karussell wiederfindest!

xoxo,
Solvejg ❤

Photo 1 by Levi Veronica on Unsplash, Photo 2 by Andreas Dress on Unsplash

4 Gedanken zu „Das Gedankenkarussell“

  1. Sehr gut beschrieben. Die Gedanken können gefangen machen. Lebe dein Leben ganz . Du hast das gut erkannt. Wünsche dir Kraft und Mut immer wieder am Karusell vorbei zu gehen und dich der vielen anderen Dinge im Leben zu erfreuen, bis dass du auch noch die Freude einer Schwangerschaft erleben darfst.

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